Julian und Sebastian sind führende Mitglieder der zweiten Generation des Franziskuskreises

Die zweite Generation – Wege zur Macht

Um die Trauer über die sich abzeichnende Auflösung des Klosters zu kompensieren, steigerte die franziskanische Gemeinde Attendorns in den letzten Jahren vor 1998 ihre Kinderproduktion exorbitant. Doch die Freude über den Nachwuchs sollte sich nach und nach als Trugschluss erweisen. Denn die zweite Generation hatte von Anfang an nichts anderes im Sinn als die Macht im Franziskuskreis an sich zu reißen.

Das (höchstwahrscheinlich) jüngste Gründungsmitglied blickt zurück auf einen harten und entbehrungsreichen Weg voller politischer Finesse und Intrigen, der von Erfolg gekrönt werden sollte:

Die ersten Schritte machten wir als klassische laute Protestpartei. Übten sich unsere Eltern in den Anfängen des Franziskuskreises im gemeinsamen Gebet, machten wir durch lärmendes Ge-BÄÄÄÄH-t auf uns aufmerksam – zunächst vergebens:

Bei den zweimal jährlich stattfindenden Einkehrwochenenden versuchte die erste Generation uns durch ihre Bodyguards, die sie „Kinderbetreuung“ nannte, von wichtigen Besprechungen fernzuhalten. Konnten wir schon nicht direkt an die Fleischtöpfe der Macht gelangen, brachten wir immerhin die Bodyguards durch geschickte Manöver immer wieder zur Verzweiflung, sodass dieser Job bei Wochenenden einer hohen Fluktuation unterlag.

„Ab jetzt sind wir Jugendliche!“

2009 erfolgte dann der erste Durchbruch: Der Wechsel unseres Gruppenamens von „Kinder“ in „Jugendliche“ wurde endlich vom ganzen Franziskuskreis anerkannt und im neu konstituierten vierköpfigen Leitungstram stand uns ein Jugendvertreter zu. Dies stellte jedoch nur einen Zwischenschritt dar. Zwei Jahre später galt aktives und passives Wahlrecht für alle. Und mit der Erstellung und Betreuung der Franziskuskreis-Homepage hatte Christian ein Druckmittel, das die übrigen Mitglieder zwang, ihn ins fortan dreiköpfige Leitungsteam zu befördern.

Wir als zweite Generation waren also nur noch einen Schritt von der endgültigen Machtübernahme entfernt, doch ausgerechnet jetzt verloren einige von uns die Nerven: Die Gebrüder Tump wollten nicht länger warten, endlich selbst Chef zu sein und gründeten die Jugendorganisation „Fußballteam Franziskuskreis Sauerland“, andere verschwanden ab 2013 unter dem Vorwand des Studiums aus Attendorn und operierten fortan im Untergrund. Ich war fast die letzte Hoffnung, die Wende zur Mehrheit im Leitungsteam, dem Schlüssel zur Befehlsgewalt über den Franziskuskreis in Attendorn, noch zu schaffen.

„Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn – bis in Ewigkeit. Amen.“

Während Christians Erpressung weiterhin erfolgreich lief, fragte ich mich, mithilfe welcher Eigenschaften und Fähigkeiten mir der Sprung in die Machtzentrale glücken konnte. Musste am Ende gar Wahlmanipulation oder ein gewaltsamer Putsch herhalten?

Letztlich war die Lösung einfach: abwarten. Die Führungsschwäche der ersten Generation und die mangelnde Motivation, sich zur Wahl zu stellen, hatten im Herbst 2016 ein solches Stadium erreicht, dass dem Franziskuskreis in Ermangelung weiterer ernsthafter Kandidaten gar nichts anderes übrig blieb, als mich zu wählen.

Nach 19 Jahren war es also geschafft: Die zweite Generation hat die Entscheidungshoheit im Franziskuskreis übernommen! Glockengeläut, Feuerwerk, Autokorsos und rauschende Feiern waren überall dort die Folge, wo sich unsere mittlerweile weit verzweigte Gruppe niedergelassen hatte und nun öffentlich zeigte: Berlin, Greifswald, Münster, Wethen, Köln, bald darauf auch Siegen, Bielefeld und Maastricht.

Und damit es nie zu einem Rückfall ins alte Machtverhältnisse kommen wird, haben Christian und ich erstmals einen Leitungsteam-Amtseid abgelegt: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn – bis in Ewigkeit. Amen!“ Lang lebe der Franziskuskreis!

Daniel Griese (Auszug aus der Festschrift „20 Jahre Franziskuskreis“)

Die Beiträge in der Kategorie „Kolumne“ beschäftigen sich auf nicht ganz ernst gemeinte Weise mit dem Zeitgeist und Themen, die den Franziskuskreis betreffen.