Von Kontrolle und Vertrauen zum Jahreswechsel

Der Jahreswechsel naht. Die Zeit zwischen den Jahren ist nicht nur für mich die Zeit zurückzublicken. Aber genauso ist der Jahreswechsel der Zeitpunkt für den Blick nach vorne. Dieser Blick nach vorne ist der Blick auf die Vorsätze und Wünsche im neuen Jahr, auf das, was ich plane und was kommen möge. Für mich als Projektingenieur ist dies eine Herausforderung. Beruflich ist es meine Aufgabe, Abläufe in der Zukunft zu planen, auf dass sie möglichst genau so eintreten. „Alles unter Kontrolle“ ist das Ziel, damit das Projekt planmäßig gelingt.

„Alles unter Kontrolle“ suggeriert, dass es nur diesen einen Weg zum Ziel gibt. Nämlich den, der ausgerufen wird von demjenigen, der die Macht hat, der macht. Und genau da beginnen die Widersprüche, die mir das Leben immer wieder vor Augen führt. Es gibt nicht den einen Weg. Es gibt nicht die eine Wahrheit, wie wir in einem der letzten Bibelgespräche im San-Damiano-Kreis festgestellt haben. Es gibt viele Wahrheiten, so wie es viele Menschen gibt.

In dem Augenblick, wo wir diese Gedanken zulassen, stellen wir fest, dass wir die „Kontrolle verlieren“. Wobei ich glaube, dass wir die Kontrolle nicht verlieren können, weil wir sie in Wirklichkeit nie besessen haben und nie besitzen werden, wie mich Richard Rohr gelehrt hat: „Du hast keine Kontrolle.“

Dies auch innerlich anzuerkennen, fällt mir mitunter oft ziemlich schwer. Diese Tatsache in das Leben zu integrieren, gelingt am ehesten durch Glauben und Vertrauen auf Gott und in die anderen Menschen, die gemeinsam mit mir auf der Suche sind. Mit diesem Vertrauen auf Gott und dem Gefühl von Nähe in einer Gruppe kann ich den Überraschungen, die das Leben bereithält, kreativ und gelassen begegnen.

Und dann wird doch wieder alles ganz anders…

Genau das hat mich auch die Corona-Pandemie in den letzten beiden Jahren gelehrt. Es war und ist für mich zwar weiterhin wichtig, Ideen für Aktionen in der Zukunft zu haben. Die Gewissheit, dass diese Ideen auch genauso ins Leben kommen, hat es aber während der Corona-Jahre immer seltener gegeben. Dafür habe ich den Franziskuskreis als eine sehr kreative Gruppe von Menschen erlebt, die den immer wieder wechselnden Rahmenbedingungen vertrauensvoll begegnet ist.

Diese Erfahrungen lehren auch einen anderen Blick auf die Vorsätze und Wünsche zum Jahreswechsel. Nicht mehr die Gewissheit, dass alles so kommen möge, ist der Maßstab für den Blick in die Zukunft, sondern das Vertrauen auf Gott und die Menschen, das zwar Wünsche ermöglicht, aber gleichzeitig auch Gelassenheit schenkt. Eine Gelassenheit, die das Leben so lässt, wie es kommt, eine Gelassenheit, die kreativ reagiert auf die Überraschungen des Lebens, die das kommende Jahr bereithalten wird.

Für das neue Jahr wünsche ich Euch diese Gelassenheit genauso wie das Vertrauen auf Gott und ein Leben in einer Gemeinschaft von wohlwollenden Menschen.

Thomas Griese

Beitragsbild: „Trust“ von Pro-Zak ist lizenziert unter CC BY-NC 2.0.